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Autor: Dr. Gottfried Briemle, LVVG Aulendorf

Neue Wege in Ansprache und Förderung von Extensiv-Grünland

Baden-Württemberg geht über zum Prinzip der Honorierung ökologischer Leistungen der Landwirtschaft

Einleitung

Der Weg Baden-Württembergs

Methodische Abgrenzung

Anleitung zur Beurteilung eines Grünlandschlages

Vorgehensweise im Gelände

Erläuterung zum Tabellenbeispiel

Empfehlungen zur Bewirtschaftung und Düngung von artenreichem Grünland

Vorbemerkungen

Faustzahlen zur futterbaulichen Leistung und Verwertbarkeit von Aufwüchsen aus artenreichem Grünland

Zusammenfassung

Literatur




Die Politik hat erkannt, daß die Landwirte unter den heutigen, für die Landwirtschaft sehr ungünstigen Rahmenbedingungen in der Europäischen Union einen besonderen Anreiz brauchen, um die selten gewordenen Grünlandtypen (vergl. Briemle & Fink, 1993) weiterhin zu nutzen, um sie auf diese Weise als „europäisches Kulturerbe" der Nachwelt zu erhalten. Daher werden – auch aus ökonomischen Gründen, nämlich zur Minderung der Milchproduktion und stärkeren Flächenbindung – seit Beginn der 90er Jahre von den Bundesländern eigene Förderprogramme und Extensivierungsmaßnahmen angeboten. Diese sollen die Bauern auf freiwilliger Basis und durch monetäre Anreize dazu anregen, umweltschonender bzw. extensiver als bisher zu wirtschaften. So entstand beispielsweise in Baden-Württemberg der M arkt e ntlastungs- und K ulturlandschafts a usgleich (MEKA).

Das Land Baden-Württemberg fördert die Einführung und Beibehaltung einer umweltgerechten Landbewirtschaftung seit 1992 im Rahmen dieses landeseigenen Programms. Die fortentwickelte Version – MEKA II – greift erstmals für das Jahr 2000 und enthält als neue Maßnahme die „Honorierung der Vielfalt von Pflanzenarten auf Grünland". Die Förderung erfolgt in Abhängigkeit vom Vorkommen bestimmter leicht erkennbarer Pflanzenarten (sog. Kennarten). Ziel der Maßnahme ist es, extensiv bewirtschaftete, artenreiche, aber futterbaulich und ökonomisch geringerwertige Grünlandtypen in ihrem gegenwärtigen Umfang zu erhalten. Diese sind bekanntlich sowohl aus ökologischer Sicht äußerst wertvolle Lebensräume als auch aus Sicht der Erholungssuchenden sehr attraktive Komponenten unserer Landschaft. So können bunte Blumenwiesen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, das Ansehen der Landwirtschaft in den Augen der Öffentlichkeit zu erhöhen.

Das Arteninventar eines Grünlandbestandes ist das Spiegelbild seiner Bewirtschaftung und des jeweiligen Standortes. Bei gleichbleibender Bewirtschaftungsweise bleibt die Artenzusammensetzung konstant, lediglich die Häufigkeit, in der die einzelnen Arten auftreten, ist in Abhängigkeit von der jeweiligen Jahreswitterung (feuchte / trockene Jahre) gewissen Schwankungen unterworfen. Dieser Zusammenhang eröffnet die Möglichkeit, die Förderung von extensivem Grünland künftig an das Vorkommen markanter Kennarten zu binden und von der starren, wenig praxisgerechten Vorgabe bestimmter Bewirtschaftungsmaßnahmen abzugehen. Schon im bisherigen MEKA gab es die Kategorie „Beibehaltung oder Einführung einer extensiven Grünlandbewirtschaftung" mit den Förder-Tatbeständen „nicht mehr als zwei Nutzungen", „einschüriges Grünland" und „feuchte oder nasse Standorte". Da die Aufwuchsmenge bekanntlich von Jahr zu Jahr wechselt, entstanden widersinnige Probleme sowohl bei Bewirtschaftung wie auch Überprüfung. Dazu gehörte sowohl die Schnittzahl-Kontrolle wie beispielsweise auch der juristische Streit, ob eine Herbstweide als Nutzung anzusehen ist oder nicht. Mit dem Übergang der Belohnung des ökologischen Erfolges beim neuen MEKA werden erstmals reglementierende Nutzungsvorgaben durch ein gerechteres und vor allem ökologisch wirksameres Verfahren ersetzt.

Baden-Württemberg beschreitet damit einen neuen Weg in der Förderung umweltgerechter Landbewirtschaftung und legt zur Umsetzung dieses innovativen Ansatzes erstmals in Deutschland einen Katalog von Wiesenblumen vor, mit dem es auf einfache Art und Weise möglich ist, das extensiv genutzte Grünland anzusprechen. Um dies jedem Praktiker zu ermöglichen, wurde jedem Landwirt ein einsteckbares Faltblatt zur Verfügung gestellt, in dem alle 28 Kennarten (Tabelle 2) auf Farbfotos abgebildet sind. Hauptvorgabe für die Gestaltung dieser Geländehilfe war eine leichte Handhabung mit der Möglichkeit, auch für den botanisch weniger Versierten, innerhalb von kurzer Zeit zu einer Grünlandbewertung zu gelangen.

Diese Methode klammert bewußt eine Beurteilung nach Naturschutz-Kriterien, wie etwa der FFH-Richtlinie (Rat, 1992) oder nach § 20 BNatSchG bzw. den entsprechenden Ländergesetzen und -verordnungen aus. Auch enthält der Artenkatalog keine „Rote-Liste-Arten" mit Ausnahme der Trollblume (Trollius europaeus), da diese in der für Baden-Württemberg maßgebenden „§ 24a-Kartieranleitung" (vergl. LfU, 1997) fehlt. Es geht hier also nicht um Erfassung und Schutz seltener Pflanzenarten, sondern es soll mit dieser Vorgehensweise in erster Linie versucht werden, die stark in Rückgang begriffenen, blütenbunten, traditionell extensiv genutzten Wiesen der Nachwelt zu erhalten. Die Methode zielt also vor allem auf visuell-ästhetische Aspekte der Kulturlandschaft und soll / will somit die Beurteilung von Naturschutzflächen oder von FFH-Gebieten nicht ersetzten. Dennoch besteht vor allem hinsichtlich einiger FFH-Biotoptypen eine gewisse Kongruenz, so nämlich mit:

Nr. 6230: Artenreiche, montane Borstgrasrasen auf Silikatböden

Nr. 6510: Magere Flachland-Mähwiesen

Nr. 6520: Beg-Mähwiesen

Nr. 7230: Kalkreiche Niedermoore (als futterbaulich genutzte Wiesen)

Die sogenannten „Kennarten" (Tabelle 2) als für die landwirtschaftliche Praxis nachvollziehbarer Begriff hat nichts mit Kenn- oder Charakterarten im pflanzensoziologischen Sinne zu tun.

Im Hinblick auf eine leichtere Ansprache im Gelände enthält dieser „Kennarten"-Katalog nur Kräuter, also keine Gräser. Die Kennarten wurden zum einen nach dem pflanzensoziologischen Kriterium „Stetigkeit" (regelmäßige räumliche Verbreitung), zum anderen aber auch nach optischer Auffälligkeit ausgesucht.

Für den landschaftsökologisch etwas Kundigeren sind die 28 Kennarten auf drei Standortkategorien, nämlich „trocken", „frisch" und „naß" verteilt. Wenn also die Bodenverhältnisse bekannt sind, braucht zunächst einmal nur dort nach dem Pflanzenfoto gesucht werden; dadurch wird die Begehungszeit wesentlich verkürzt. Da es jedoch selbst auf kleinen Grundstücksparzellen vorkommen kann, daß sich mehrere Bodenfeuchtestufen durchdringen, ist es ratsam, zum Schluß nochmals alle abgebildeten Kräuter zu überfliegen.

Die meisten der aufgeführten Kräuter sind zuverlässige Blüher, d.h., man findet sie im Vorsommer auch im blühenden Zustand vor. Einige Arten jedoch sind mitunter steril (z.B. Kohl-Kratzdistel, Wiesen-Knöterich), bzw. haben kurze Blühzeiten (z. B. Wiesen-Schaumkraut, Sumpf-Dotterblume). Bei solchen Pflanzen ist auch auf das im Foto gut sichtbare Blatt zu achten.

Trotz der großen geologischen und standörtlichen Vielfalt des Landes Baden-Württemberg war es möglich, den Kräuterkatalog auf übersichtliche 28 Gattungen bzw. Arten für südwestdeutsche Verhältnisse zu begrenzen. Jeder der wichtigsten Extensivgrünland-Typen im Lande – von den Glatthafer-Heuwiesen der Täler bis zu den hochgelegenen Allmendweiden des Schwarzwaldes – ist mit mindestens 7 Kennarten vertreten (Tabelle 1).

: Die 7 wichtigsten, futterbaulich noch verwertbaren Extensivgrünland-Typen
Südwestdeutschlands

Grünlandtyp

Pflanzensoziologischer Name*

MZ

1. Glatthafer-Talwiesen (2-schnittig)

Arrhenatherion elatioris (W. Koch 1926)

8

2. Salbei-Glatthaferwiesen (1 bis 2-schnittig)

Salvio-Arrhenatheretum (Hundt 1958)

8

3. Goldhafer-Bergwiesen und -weiden (1 bis 2 Nutzungen)

Polygono-Trisetion (Braun-Blanquet et Tüxen 1943)

10

4. Bärwurz-Goldhaferwiesen (1 bis 2-schnittig)

Trisetetum, Subassoziation mit Meum athamanticum (Tüxen 1937)

7

5. Kohldistelwiesen und artenreiche Fuchsschwanzwiesen (2 bis 3-schnittig)

Cirsio-Polygonetum bistortae (Tüxen in Tüxen et Preising 1951)

7

6. Dotterblumen-Wiesen (1-2- schnittig)

Calthion palustris (Tüxen 1937)

8

7. Silikat-Magerweiden, Bergweiden (Standweiden)

Nardion (Braun-Blanquet et Jenny 1926, Violion caninae (Schwickerath 1944), Festuco-Cynosuretum nardetosum (Oberdorfer 1957)

7

* Nomenklatur und Autoren-Namen nach Oberdorfer (1978/83) bzw. Runge (1980)
MZ = Auffindbare Mindestanzahl der im Katalog genannten Arten

 

: Katalog der Kennarten für extensiv genutztes Grünland
(mit ökologischen Wertzahlen)

Deutscher Name

Wissenschaftlicher Name

Blütenfarbe

Blühzeit

Typ

W

M

F

R

N

Margerite

Leucanthemum vulgaris

weiß

5-10

1,2,3

2

6

4

x

3

Bocksbart

Tragopogon spec.

gelb

5-7

1,2,3

4

6

4

7

6

Witwenblume

Knautia arvensis

blau

5-7

1,2,3

2

5

4

x

4

Klappertopf

Rhinanthus spec.

gelb

5-9

2,3

-1

4

4

x

3

Wiesen-Salbei

Salvia pratensis

blau

4-8

2

2

5

3

8

4

Glockenblumen

Campanula spec.

blau

5-9

1,2,3

3

5

5

x

5

Storchschnabel

Geranium spec.

blau/lila

5-8

1,2,3

2

5

5

x

7

Rotklee

Trifolium pratense

rot

6-9

1,3

7

7

5

x

x

Flockenblumen

Centaurea spec.

blau/lila

6-9

2,3,4

3

4

5

x

4

Teufelskralle

Phyteuma spec.

blau/weiß

5-7

3,4

5

4

5

x

5

Bärwurz

Meum athamanticum

weiß

5-6

4

3

5

5

3

3

Tag-Lichtnelke

Silene dioica

rot

4-9

1,5

3

5

6

7

8

Pippau

Crepis biennis, C. mollis

gelb

5-8

1,3

4

5

6

x

5

Kohl-Kratzdistel

Cirsium oleraceum

weiß/grün

6-9

5,6

4

5

7

7

5

Großer Wiesenknopf

Sanguisorba officinalis

rot

6-9

5,6

5

5

6

x

5

Trollblume

Trollius europaeus

gelb

5-6

6

-1

5

7

6

5

Wiesen-Schaumkraut

Cardamine pratensis

weiß

4-5

5,6

-1

6

6

x

x

Sumpf-Dotterblume

Caltha palustris

gelb

4-6

6

-1

4

9

x

6

Wiesen-Knöterich

Polygonum bistorta

rot/rosa

5-7

5,6

4

6

7

5

5

Kuckucks-Lichtnelke

Lychnis flos-cuculi

rot

5-7

5,6

1

4

7

x

x

Bach-Nelkenwurz

Geum rivale

rot/braun

4-7

5,6

2

4

8

x

4

Augentrost

Euphrasia rostk., E. stricta

weiß

5-10

7

-1

5

x

x

4

Flügel-Ginster

Genista sagittalis

gelb

5-6

7

0

4

4

4

2

Blutwurz

Potentilla erecta

gelb

6-8

7

2

3

x

x

2

Kreuzblumen

Polygala spec.

blau/lila

5-8

4,7

1

4

4

x

2

Feld-Thymian

Thymus pulegioides

purpurrot

5-8

4,7

1

4

3

x

1

Kleines Habichtskraut

Hieracium pilosella

gelb

5-10

4,7

2

4

4

x

2

Milch- und Ferkelkräuter

Leont. spec., Hypoch. radic.

gelb

6-9

4,7

5/1

5/7

5

4

4

Erläuterungen: Typ = Zugehörigkeit zu einem der 7 Grünlandtypen; W = Futterwertzahl (nach Klapp et al. 1953); M = Mahdverträglichkeitszahl (nach Briemle & Ellenberg 1994), F = Feuchtezahl, R = Reaktionszahl, N = Nährstoffzahl (nach Ellenberg et al. 1992); x = indifferentes ökologisches Verhalten der Art; Aus praktischen Gründen (mangelnde Unterscheidbarkeit) werden Milchkraut und Ferkelkraut als eine „Art" betrachtet.

Das Grundstück ist entlang einer der beiden Diagonalen (bei Dreiecksform entlang der Seitenhalbierenden) zu durchschreiten. Dabei ist die Wegstrecke gedanklich in 3 gleich lange Abschnitte zu teilen.

Jeder dieser 3 Abschnitte ist im Bereich der seitwärts ausgestreckten Arme auf Kennarten zu kontrollieren. Die zu beurteilende Fläche ist ein Streifen links und rechts der „Ganglinie" von etwa 80 bis 90 cm (Armlänge).

Eine Zusatzhonorierung für artenreiches Grünland in der derzeitigen Höhe von 5 Punkten pro Hektar à 20 DM (10 Euro) wird gewährt, wenn in jedem dieser 3 Abschnitte mindestens 4 verschiedene Kennarten gefunden werden.

Wird die notwendige Artenzahl auf dem Gesamtgrundstück nicht erreicht, ist eine Grundstücksteilung möglich. Die Grenzlinien müssen jedoch entlang markanter, weitgehend unveränderlicher Merkmale (Hecken, Wege, Raine) verlaufen. Die Überprüfung des Teilgrundstückes ist, wie unter 1. und 2. beschrieben, zu wiederholen. Um Randeffekte auszuschließen ist bei Grundstücken mit einer Breite von mehr als 20 m ein Randstreifen (z.B. entlang von Wegen oder Entwässerungsgräben) von 3 m Breite auszuklammern. Bester Begehungs-Termin ist die Zeit vor der Nutzung des ersten Aufwuchses, also je nach Höhenlage und phänologischem Verlauf die Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni.

Zwar meldet jeder Landwirt sein „artenreiches Grünland" im Rahmen eines Antragverfahrens selbst zur Honorierung an, doch ist ein Kontrollsystem nach Stichproben vorgesehen, welche durch die Verwaltung durchgeführt werden wird. Somit wird einem möglichen Mißbrauch vorgebeugt.

Ein Landwirt begeht beispielsweise eine 2 ha große, am Hang gelegene Grünlandfläche entlang einer Diagonalen (Tabelle 3). Im unteren Drittel findet er auf seinem Weg Rotklee, Pippau, Wiesenknopf und Wiesenknöterich, also insgesamt 4 Arten aus der Liste. Im mittleren Teil ändern sich die Standortverhältnisse: Von den zuvor gefundenen Arten kommt nur noch der Rotklee vor, zusätzlich jetzt aber Margerite, Bocksbart, Tag-Lichnelke und Milchkraut; zusammen also 5 Arten. Im letzten Drittel des Grundstücks findet er abermals den Rotklee, diesmal aber begleitet von Witwenblume, Klappertopf und der Wiesen-Flockenblume, welche Wechseltrockenheit des Bodens anzeigen. Damit hat er in allen 3 Dritteln die Mindestartenzahl von 4 Kräutern erreicht und kann die Wiese für eine Zusatzhonorierung beim MEKA anmelden. – Es dürfen auch überall dieselben 4 Kennarten vorkommen, wie die rechte Hälfte der Tabelle zeigt. In diesem Fall handelt es sich beispielsweise um feuchtes bis nasses Grünland.

: Beispiel zur Einstufung von artenreichem Grünland nach MEKA* (Gesamt-Artenliste)

Pflanzenart / -gattung

Diagonale (Viereck) bzw. Seitenhalbierende (Dreieck) des Grundstücks

 

1. Beispiel

2. Beispiel

 

1. Drittel

2. Drittel

3. Drittel

1. Drittel

2. Drittel

3. Drittel

Margerite

 

X

 

 

 

 

Bocksbart

 

X

 

 

 

 

Witwenblume

 

 

X

 

 

 

Klappertopf

 

 

X

 

 

 

Wiesen-Salbei

 

 

 

 

 

 

Glockenblumen

 

 

 

 

 

 

Storchschnabel

 

 

 

 

 

 

Rotklee

X

X

X

 

 

 

Flockenblumen

 

 

X

 

 

 

Teufelskralle

 

 

 

 

 

 

Bärwurz

 

 

 

 

 

 

Tag-Lichtnelke

 

X

 

 

 

 

Pippau

X

 

 

 

 

 

Kohl-Kratzdistel

 

 

 

X

X

X

Großer Wiesenknopf

X

 

 

 

 

 

Trollblume

 

 

 

 

 

 

Wiesen-Schaumkraut

 

 

 

X

X

X

Sumpf-Dotterblume

 

 

 

X

X

X

Wiesen-Knöterich

X

 

 

X

X

X

Kuckucks-Lichtnelke

 

 

 

 

 

 

Bach-Nelkenwurz

 

 

 

 

 

 

Augentrost

 

 

 

 

 

 

Flügelginster

 

 

 

 

 

 

Blutwurz

 

 

 

 

 

 

Kreuzblumen

 

 

 

 

 

 

Feld-Thymian

 

 

 

 

 

 

Kleines Habichtskraut

 

 

 

 

 

 

Milch- und Ferkelkräuter

 

X

 

 

 

 

Summe der Arten

4

5

4

4

4

4

* M arkt e ntlastungs- und K ulturlandschafts a usgleich (= Programm des Ministeriums Ländlicher Raum Baden-Württemberg zur Förderung, Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft und von Erzeugungspraktiken, die der Marktentlastung dienen)

und Düngung von artenreichem Grünland

Die hier aufgeführten artenreichen Grünland-Typen sind durch jahrzehnte- bis jahrhundertelange extensive landwirtschaftliche Nutzung entstanden. Sie wurden unregelmäßig, zum Teil auch gar nicht gedüngt, sei es, weil der Boden eine relativ gute natürliche Nährkraft besitzt, oder aber die Flächen hoffern lagen. An dieser Stelle muß betont werden, daß es sich bei den genannten Grünlandtypen nicht um originäre Naturschutz-Biotope gemäß § 24a NatSchG (z.B. Halbtrockenrasen, Kleinseggenwiesen) handelt, sondern um futtermäßig „besseres" Grünland, dessen Aufwüchse durchaus noch in der Viehhaltung wie etwa in der Jungviehaufzucht verwertet werden können (siehe nachfolgende Tabelle). Aufgrund geringerer Energiedichte läßt sich eine angemessene Milchleistung allein aus diesem Grundfutter jedoch nicht mehr erzielen, so daß das ökonomische Interesse an der Beibehaltung ihrer Bewirtschaftung als gering einzustufen ist.

Kommt es im Laufe der Zeit zu einer zu starken Ausmagerung, kann eine leichte Festmistgabe oder eine geringe Phosphor-Kalium-Grunddüngung angebracht sein, um Ertrag und Futterwert wieder anzuheben. Je nach Standort kann diese Grunddüngung alle 2 bis 5 Jahre oder auch in noch weiterem Intervall sinnvoll sein. Ausschlaggebend ist allerdings eine Mindest-Nährstoffverfügbarkeit im Boden, welche durch die hier aufgeführten Kennarten angezeigt wird. Die Düngermengen können hier zwischen 90 dt Festmist/ha auf eher mageren Standorten (Salbei-Glatthaferwiesen, Goldhaferwiesen, Bärwurz-Goldhaferwiesen) bis zu 200 dt/ha Festmist auf wüchsigeren Standorten (Glatthafer-Talwiesen, Kohldistelwiesen, artenreiche Fuchsschwanzwiesen) schwanken. Eine Düngung mit Flüssigmist (Gülle) sollte nicht erfolgen, weil das schnell verfügbare Ammonium (etwa 60 % des Stickstoffanteils im Flüssigmist) eher die Gräser als die Kräuter fördert. Wenn nur Rindergülle zur Verfügung stehen sollte, kann diese in verdünnter Form in einer Menge von 10 bis 20 m3 pro ha (je nach Standort) und möglichst nach dem 1. Schnitt ausgebracht werden. Im übrigen besteht für flüssige Wirtschaftsdünger auch auf Extensiv-Grünland ein generelles Ausbringungsverbot zwischen dem 15. November und dem 15. Januar. Alternativ zum organischen Dünger bietet sich eine geringe mineralische PK-Düngung in der Größenordnung von 20/60 kg P/K bis 40/120 kg PK pro Hektar an. Eine solche Düngung ist vor allem dann angezeigt, wenn eine Wiese größere Mengen des im frischen Zustand giftigen Klappertopfes enthält. Als Halbschmarotzer kann dieser ab 3 % Ertragsanteil (ca. 10 Pflanzen pro m2) erheblich ertragsmindernd wirken. In diesem Fall wird auch ein auf Anfang Juni vorgezogener Schnitt empfohlen.

Zum Thema Düngung sei abschließend bemerkt, daß als oberstes Ziel die Förderung der Artenvielfalt steht. Das heißt, nur eine pflanzliche Vielfalt kann eine Vielfalt an Insekten, Heuschrecken und Schmetterlingen hervorbringen (vergl. z. B.: Ulrich, R. 1982; Kratochwil, A. 1983; MLU, 1992; Schreiber, K.F. & A. Neitzke 1991; Steffny, H. et al. 1991; Dülge, R. et al. 1994; Schmidt, M. 1995; Classen, A. et al. 1996). Dieser biologische Reichtum der Flur kommt dem allgemeinen Ansehen der Landwirtschaft in den Augen der Öffentlichkeit sehr zugute.

In nachfolgender Tabelle 4 werden die einzelnen artenreichen Grünland-Typen näher charakterisiert sowie ihr Erhalt bzw. ihre ökologische Optimierung durch Bewirtschaftungs-Strategien dargestellt. Sie ergänzen die genannten allgemeinen Empfehlungen zur Düngung.

: Die Bewirtschaftung der wichtigsten Extensivgrünland-Typen mit dem Ziel der Erhaltung ihrer Artenvielfalt

Bewirtschaftung Glatthafer- Salbei- Kohldistelwiesen und artenreiche Fuchsschwanz- Dotterblumen- Silikat-
  Talwiesen Glatthaferwiesen, Goldhafer- wiesen wiesen Magerweiden, Bergweiden (extensive Standweiden)
Grünlandtyp   Berwiesen, Bärwurz-      
    Goldhaferwiesen      
Ertragserwartung 50-80 dt TM/ha bei 2-3 Nutzungen 30-60 dt TM/ha bei 1-2 Nutzungen 60-90 dt TM/ha bei 2-3 Nutzungen 40-70 dt TM/ha bei 1-2 Nutzungen 20-50 dt TM/ha bei 1-2 Weidegängen
Nährstoff- 120/40/180 kg NPK/ha 70/30/100 kg NPK/ha 130/50/190 kg NPK/ha 100/40/140 kg NPK/ha 50/20/90 kg NPK/ha
Entzug
Nährstoff- ca. 25 m3/ha Gülle oder 180 dt/ha Stallmist ca. 90 dt/ha Stallmist oder 15 m3/ha Gülle ca. 200 dt/ha Stallmist oder 25 m3/ha Gülle ca. 130 dt/ha Stallmist oder 20 m3/ha Gülle keine! Exkremente der Weidetiere genügen
Rückführung
Erforderliches Dünge- etwa alle 2-3 Jahre etwa alle 3-4 Jahre etwa alle 2-3 Jahre etwa alle 3-4 Jahre
Intervall
Zeitpunkt der Düngung Festmist : Im Herbst auf noch nicht gefrorenen Boden. Gülle : Damit der Frühjahrs-Graswuchs durch das schnell verfügbare Ammonium (NH 4 ) nicht unnötig gefördert wird, besser erst nach dem ersten Schnitt ausbringen. Zu diesem Zeitpunkt ist auch die Fläche besser befahrbar, ohne daß Narbenschäden entstehen.
Nutzungs- Erster Schnitt zur Heugewinnung nicht vor Anfang Juni. Erster bzw. einziger Schnitt Anfang bis Mitte Juni Erster Schnitt Ende Mai bis Mitte Juni. Bei Überhandnahme von Kohl-Kratzdistel gelegentliches Walzen im Frühjahr Erster Schnitt Mitte bis Ende Juni Erster Auftrieb Anfang bis Ende Juni. Nachmahd im 2-3-jährigen Turnus notwendig. Gelegentliche Gehölzentfernung ist erforderlich, da Extensivweiden stets verbuschungsgefährdet sind!
zeitpunkt
Sonstiges Beweidung des dritten Aufwuchses im Herbst ist möglich, ohne daß Einbußen bei der Artenvielfalt zu erwarten sind. Der hohe Artenreichtum auf diesen Standorten ermöglicht eine große Nutzungselastizität, d.h., der Futterwert geht über einen Zeitraum von 4-6 Wochen kaum zurück. Feuchtwiesencharakter; mit ansteigendem Grundwasserstand beispielsweise durch Verfall der Drainage Übergang zur Dotterbumenwiese. Naßwiesencharakter in Überleitung zu den Trollblumenwiesen. Hauptziel ist die kostengünstige Offenhaltung der Kulturlandschaft, meist durch Jungviehhaltung (z.B. Allmendweiden des Schwarzwaldes), Mutterkuh- oder Schafhaltung
zur futterbaulichen Leistung und Verwertbarkeit von Aufwüchsen aus artenreichem Grünland

Grünlandtyp 

Salbei-Glatthaferwiesen,
Goldhaferwiesen, Dotterbumenwiesen

Glatthaferwiesen, Kohldistelwiesen,
artenreiche Fuchsschwanzwiesen

Silikat-Magerweiden, Bergweiden

Nutzungszeitpunkt des 1. Aufwuchses

Anfang bis Mitte Juli

Mitte Juni

Mitte Juni bis Mitte Juli

Anzahl der Schnitte bzw. Weidegänge

1 - 2

2 - 3

1 - 2

TM-Ertrag (dt / ha)

20 - 50

50 - 80

20 - 50

Eiweißgehalt des Futters (% TS)

8 - 11

11 - 13

9 - 11

Verdaulichkeit der organischen Substanz (%)

55 - 65

60 - 70

55 - 65

TM-Aufnahme
(kg / GV und Tag)

10 - 12

12 - 14

10 - 12

Energiegehalt des Futters
(MJ NEL / kg TS)

als Heu:
4,0-4,8

als Heu:
4,7-5,1

als Grünfutter:
4,0-5,0

Zuwachspotential bei weiblichen Rindern, älter als 1 Jahr (in g/Tag)

340-450

500-600

400-500

Die Tabelle hat beispielhaften Charakter!
Quelle: Briemle, G. M. Elsäßer, T. Jilg, W. Müller & H. Nußbaum 1996: Nachhaltige Grünlandbewirtschaftung in Baden-Württemberg. – in: Nachhaltige Land- und Forstwirtschaft; Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York (1996): 215-256.

TS = Trockensubstanz, TM = Trockenmasse, NEL = Netto-Energie-Laktation als Maß der Energiedichte in Megajoule (MJ), GV = Großvieheinheit.

Für Südwestdeutschland wird eine floristische Geländemethode vorgestellt, mit deren Hilfe futterbaulich noch nutzbares Extensiv-Grünland in vereinfachter Form angesprochen werden kann. Förderungswürdig im Sinne des baden-württembergischen Programms zu Marktentlastung und Kulturlandschaftsausgleich (MEKA) ist demnach jede Grünlandfläche, auf der mindestens 4 Pflanzenarten /-gattungen aus einem 28-zähligen Katalog gefunden werden. Um die Ansprache nicht unnötig zu komplizieren, wurde in diesen Katalog nur auf Kräuter zurückgegriffen und auf die schwerer ansprechbaren Gräser verzichtet. Schließlich werden Hinweise zur Düngung gegeben mit dem Ziel des Erhalts und der Förderung artenreichen Grünlandes.

Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen (MLU) 1992: Untersuchung zur Definition und Quantifizierung von landschaftspflegerischen Leistungen in der Landwirtschaft nach ökologischen und ökonomischen Kriterien. – Materialien zu Umwelt und Entwicklung Nr. 84; 166 S., München.

Borstel, U. G. Briemle, H. Hochberg, N. Knauer, J. Rieder & D. Roth 1994: Bewertung ökologischer Leistungen der Bewirtschaftung von Grünland.- Naturschutz und Landschaftsplanung 26, 5:165-169, Ulmer-Verlag, Stuttgart

Briemle, G. & C. Fink 1993: Wiesen, Weiden und anderes Grünland. Biotope erkennen, bestimmen, schützen. – Biotop-Bestimmungs-Bücher, Bd.1 (Hrsg.: H. Hutter); Weitbrecht-Verlag, Stuttgart, 153 S.

Briemle, G. & H. Ellenberg 1994: Zur Mahdverträglichkeit von Grünlandpflanzen. Möglichkeiten der praktischen Anwendung von Zeigerwerten. – Natur und Landschaft 69 H.4: 139-147 Bonn

Briemle, G. 1999: Vereinfachte Ansprache von Extensivgrünland mittels Indikatorpflanzen. – Z. f. Kulturtechnik und Landentwicklung 40. Jg. H.1: 34-37, Blackwell-Verlag, Berlin.

Briemle, G. M. Elsäßer, T. Jilg, W. Müller & H. Nußbaum 1996: Nachhaltige Grünlandbewirtschaftung in Baden-Württemberg. – in: Nachhaltige Land- und Forstwirtschaft; Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York (1996): 215-256

Briemle, G., G. Eckert & H. Nußbaum 1999: Wiesen und Weiden. – in: Konold et al. (Hrsg.): Handbuch Naturschutz und Landschaftspflege: 1-57, Ecomed-Verlag, Landsberg.

Bronner, G., R. Oppermann & S. Rösler 1997: Umweltleistungen als Grundlage der landwirtschaftlichen Förderung. Vorschläge zur Fortentwicklung des MEKA-Programms in Baden-Württemberg. – Naturschutz und Landschaftsplanung 29, (12): 357-365.

Bussmann, W., U. Klöti & P. Knoepfel 1997: Handbuch über die Evaluation öffentlicher Politiken. – Helbling & Lichtenhahn-Verlag, Basel.

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