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Autor: Dr. Gottfried Briemle, LVVG Aulendorf

Die wichtigsten Ergebnisse aus dem „Aulendorfer Extensivierungversuch": 10 Jahre Grünlandausmagerung

Fragestellung
Versuchsanlage und Standortverhältnisse
Zusammenfassung
Wichtige Einzelergebnisse

Entwicklung der Pflanzenbestände im Nutzungsvergleich

Entwicklung der Artenzahlen

Ertragsniveau und Ertragsentwicklung

Nährstoffentzüge



1.

Im Jahre 1987 wurde auf dem Versuchsgelände der LVVG Aulendorf ein "Extensivierungsversuch" angelegt, der u.a. Antworten auf folgende Fragen zur Grünlandextensivierung liefern sollte:

Wie wirkt sich das "Herunterfahren" der Nutzungshäufigkeit – orientiert an Naturschutzauflagen – auf Pflanzenbestand, Artenvielfalt, Ertrag und Futterqualität aus? (Vorangegangene Nutzungsintensität: 4 Schnitte pro Jahr)

Wie schnell magert der Standort bei unterschiedlicher Entzugshöhe unter der Variante "Mähen mit Abräumen ohne Düngung" aus?

Kommt es unter "Mulchen" zu einer Eutrophierung oder einer Ausmagerung des Bodens an Nährstoffen?

Nach nunmehr 10jähriger Versuchslaufzeit werden die Ergebnisse dargestellt und – wo es möglich ist – versucht, übertragbare oder verallgemeinerbare Empfehlungen zum Thema „Gründlandextensivierung" zu geben. – Dieser Beitrag stellt lediglich einen kurzen Auszug aus dem wesentlich umfangreicheren Versuchsbericht dar. Auch wurde aus Platzgründen auf Autoren- und Literaturzitate verzichtet.

2.

Der Versuchsstandort Aulendorf liegt in 590 m Meereshöhe. Die mittlere jährliche Niederschlagssumme beträgt 850 mm, das Jahresmittel der Lufttemperatur 7°C. Die Vegetationszeit dauert 210-217 Tage. Die Wärmestufe ist 7, also mäßig kühl. Die Versuchsfläche ist leicht nach Südosten geneigt. Der Bodentyp ist eine relativ tief entkalkte, tiefgründige Pseudogley-Parabraunerde.

Der Versuch wurde als zweifaktorieller Versuch angelegt, wobei der eine Faktor die Behandlungsart, der zweite der Schnittzeitpunkt ist. Die Behandlungsarten (Maßnahmen) sind:

Mähen mit Abräumen ohne Düngung (= MoD)

Mulchen (ohne Düngung) (= MUL)

Mähen mit Abräumen + mineralischer Entzugsdüngung (= M+D)

Die letztgenannte Maßnahme wurde gewählt, um den Nährstoffspiegel des Bodens im Ausgangszustand zu konservieren, was vor allem wichtig für die geplante Überprüfung der ökologischen Wertzahlen ist. Die Nutzungshäufigkeit reicht von 1 bis 5 Schnitten. Die Schnittzeitpunkte sind:

1-schnittig: 1.9.

2-schniitig: 20.7. und 20.10.

3-schnittig: 1.6., 20.7 und 20.10.

4-schnittig: 15.5., 15.6., 20.7. und 20.10.

5-schnittig: 15.5., 15.6., 20.7., 1.9. und 20.10.

Für die 1 bis 3 schnittigen Varianten wurden die Nutzungstermine so gewählt, daß sie z.E. in etwa jenen des Extensivgrünlandes aus Naturschutzsicht entsprechen (später 1. Schnitt), z.A. keine Streu über Winter liegen bleibt.

3.

Im Folgenden seien die wesentlichen Erkenntnisse aus dem 10jährigen Extensivierungsversuch stichwortartig zusammengefaßt. Eine Übertragbarkeit auf andere Grünlandstandorte ist nur hinsichtlich der Tendenz, nicht aber im Hinblick auf das standortabhängige Zahlenmaterial möglich.

Eine spontane Zunahme von Pflanzenarten erfolgte durch Extensivieren bzw. Standortausmagern nicht. Zu radikales Extensivieren, also das Verringern der Nutzungshäufigkeit von 4 auf 2 Schnitte oder gar nur 1 Schnitt ohne Düngung, bringt sogar Einbußen in der Artenvielfalt mit sich. Dies liegt am höheren Beschattungsgrad der vertikal nunmehr stärker strukturierten Bestände. Auch nach 10 Jahren Ausmagerung und Extensivierung sind geringe Artenzuwächse am ehesten bei 4-5maliger Nutzung, denn bei 2-3maliger zu verzeichnen.

Durch Reduzieren der Mahdhäufigkeit nehmen die Obergräser zu, wodurch Pflanzenbestände entstehen, die auf den ersten Blick wie Glatthaferwiesen aussehen. Allerdings fehlen ihnen über lange Zeit noch die Charakterarten.

Unter 4-5maliger Mahd ohne Düngung reduzierten sich die Erträge nach 10 Jahren um zwei Drittel (von 90 auf 30 dt TM/ha). Eine lediglich 2malige Mahd ohne Düngung reichte jedoch nicht aus, das Ertragspotential unter 60 dt TM/ha abzusenken.

Mulchen erzeugt Pflanzenbestände, die physiognomisch wie auch hinsichtlich der Biomasseproduktion zwischen denen ausgemagerter und gedüngter Bestände liegen. Das Mulchen führte nicht zu einer Ausmagerung des Bodens an Nährstoffen: Es erzeugt auf längere Sicht zwar weniger Biomasse als bei Mahd mit Entzugsdüngung, die Aufwuchsmengen liegen dennoch um 35 % höher als bei der Variante Mahd ohne Düngung. 2malige Mahd ohne Düngung entzieht dem Boden in etwa dieselbe Nährstoffmenge wie 3maliges Mulchen.

Die Nährstoff-Nachlieferung aus dem Boden ungedüngter Grünlandbestände ist eine standortspezifische Konstante: Unabhängig von der Intensität der Ausmagerung liefert unsere Parabraunerde aus Moränemergel eine stets gleichbleibende Nährstoffmenge nach (abgeleitet von Reinnährstoff-Entzügen) von mindestens 95 kg Nmin, 63 kg CaO, 52 kg K2O, 34 kg P2O5 und 20 kg MgO. Dies entspricht – mit Ausnahme des Kaliums – in etwa den Entzugswerten 2schnittiger Wiesen in ungünstigen Ertragslagen.

Standardmäßig erhobene Bodenwerte (P, K, Mg) eignen sich nicht zum Nachweis von Ausmagerungstendenzen: Während die Erträge nach 10 Jahren Ausmagerung um 62 % abnahmen, bleiben die Bodenwerte unverändert.

Was die Futterqualität betrifft, unterscheiden sich gedüngte Pflanzenbestände durch höhere Rohproteningehalte von ungedüngten, nicht aber in der Energiedichte. Diese ist ausschließlich vom Nutzungszeitpunkt abhängig. Die Futteraufwüchse von „gewaltsam extensiviertem" Grünland (Eiweißgehalt zwischen 7,2 und 11,5; Energiedichte zwischen 3,5 und 4,6 MJ NEL/kg TS) sind mit der Qualität von Magerwiesen vergleichbar und nicht mehr an Milchkühe, sondern höchstens an Pferde, wachsende Rinder und nichttragende Mutterschafe verfütterbar.

Ökologische Wertzahlen sind unterschiedlich verwertbar: Da Zeigerwerte wie z.B. die N-Zahl von einer Mindest-Artenzahl bzw. von einer generell stattfindenden Artendynamik abhängen, sind sie im vorliegenden Fall kaum brauchbar. Regelmäßige Ertragsmessungen sagen hier wesentlich mehr aus. Die mit den Massenprozenten zu wichtenden Nutzungswertzahlen (Futterwertzahl, Mahdverträglichkeitszahl) sind indes auch dann für Interpretationen gut geeignet, wenn die Artendynamik gering ist und sich nur Verschiebungen im Gras/Kraut-Verhältnis ergeben haben.

Eine Verknüpfung von standardmäßig erhobenen Bodenwerten (P, K, Mg) mit dem C/N-Verhältnis wird angeregt, um den relativen Nährstoffstatus des Bodens operationaler zu gestalten.

4.

4.1

Bei einem Extensivierungsversuch ist neben den Fragen zur Futterverwertung vor allem die Entwicklung der Grünlandkräuter von Interesse. Diese Gruppe ist es, die nicht nur ¾ des Pflanzenartenbestandes der Wiesenflora ausmacht, sondern auch – im Vergleich zu den Gräsern – die größere Bedeutung für die heimische Grünlandfauna, etwa als Nektar- und Fraßpflanze für Schmetterlinge, hat.

Die schon in den ersten 5 Versuchsjahren beobachtbare allgemeine Verdrängung der Kräuter zugunsten der Grasartigen setzte sich fort oder verharrte zumindest auf dem Niveau des ersten Berichtszeitraumes. Nach wie vor finden sich bei uns die geringsten Krautanteile mit nur 13 % in der gedüngten Variante, gefolgt von der Mulchfläche mit durchschnittlich 29 % und der Ausmagerungsvariante mit immerhin noch etwa 42 %. Dies bedeutet, daß das Mulchen Pflanzenbestände erzeugt, die physiognomisch ziemlich genau zwischen denen ausgemagerter und gedüngter Bestände liegen. Daraus läßt sich schließen, daß in erster Linie die Lichtstellung , verursacht durch die Ausmagerung, höhere Krautanteile im Pflanzenbestand halten kann; erst in zweiter Linie folgt offensichtlich der kurzgeschlossene interne Nährstoffkreislauf, wie er durch das Mulchen repräsentiert wird. Dieses Ergebnis weist auf die große Empfindlichkeit der Kräuter gegenüber Beschattung durch Streuauflagen hin.

4.2

Spricht man heute von Grünlandextensivierung oder -Ausmagerung, wird häufig suggestiv eine Zunahme der Artenzahlen erwartet oder zumindest vermutet. Im Bericht über das erste Jahrfünft des Versuches konnte indes diesbezüglich keine Zunahme festgestellt werden. Dieses „Verharren" auf der ursprünglich vorhandenen Artenkombination hat sich allerdings nach dem zweiten Jahrfünft etwas gelockert: Zu zwei Ehrenpreisarten, die schon nach 5 Jahren in den stark belichteten Beständen auftauchten, gesellten sich Neuankömmlinge wie Dünnästiger Pippau , Gundermann, Prunelle und Flechtstraußgras . Die genannten Pflanzenarten sind keine Elemente des Extensivgrünlandes. Sie kommen eher im Bereich der häufig geschnittenen Haus- und Parkrasen vor. In unserem Fall beschränken sie sich auf die 4- und 5mähdige Ausmagerungsvariante. Eine allgemeine spontane Artenzahl-Erhöhung oder das Aufkommen von standortstypischen Pflanzen, konnte unter ähnlichen Standortbedingungen auch von anderen Versuchsanstellern nicht beobachtet werden. Sehr aufschlußreich für Fragen der Offenhaltung der Kulturlandschaft ist ein Vergleich zwischen den 3 Nutzungsformen, wie er in Abbildung 1 vorgenommen ist. Verglichen etwa mit der Wieder-Inkulturnahme alter Grünlandbrachen oder Halbkulturformationen, durch welche die Artenzahl innerhalb von 8 Jahren um 25 Arten ansteigen kann, nimmt sich eine Zunahme von 3-4 Arten durch diese Grünlandextensivierung sehr bescheiden aus!

: Die Artenzahlen im Spiegel der Nutzungsform (MoD = Mahd ohne Düngung, MUL = Mulchen, M+D = Mahd plus Entzugsdüngung)

 

4.3

Bei der Betrachtung der Erträge ist vor allem deren Entwicklung von Interesse. ( Abbildung 2 ). Bei er Ausmagerungsvariante (MoD) hat sich unter 4- und 5maliger Mahd der schon im ersten Jahrfünft zu beobachtende Ertragsrückgang weiter fortgesetzt. Während die Biomasseproduktion zu Versuchsbeginn hier noch bei 80 bis 100 dt TM/ha lag, ist sie nach 10 Jahren auf etwas mehr als 30 dt zurückgegangen. Mit dieser Ertragshöhe ist heute Magerrasen-Niveau erreicht. Die 3schnittige Variante, die fünf Jahre lang Erträge in Höhe von 80 dt halten konnte, erlebte im 6. Jahr einen starken Einbruch, hat sich aber in den Folgejahren auf ein Niveau von 50 dt eingependelt. Die 2-Schnittvariante ging zwar von ursprünglich 80 dt auch etwas zurück, konnte sich aber bei etwa 60 dt TM/ha halten.

Bei der Mulchvariante (MUL) zeigt sich unter 1-3maligem Schnitt im Gegensatz zu „MoD" ein Anstieg der Ertragskurve. Mulchen 2 mal wie auch Mulchen 3 mal im Jahr erzeugt nach 10 Jahren mit mehr als 90 dt TM deutlich mehr Biomasse als zu Beginn des Versuches. Vor allem bei der Variante 3 mal Mulchen könnte dies ein Hinweis darauf sein, daß sich hier ein Gleichgewicht zwischen Stickstoffverlust und Nachlieferung einstellt, und zwar in ähnlicher Weise, wie es bei 2 mal Mähen ohne Düngung hinsichtlich aller Makronährstoffe der Fall sein dürfte. Offenbar ermöglichen die vorliegenden Standortverhältnisse eine gleichbleibende Ertragslage über längere Zeiträume hinweg bei zweimaliger Mahd ohne Düngung ebenso, wie unter dreimaligem Mulchen.

: Die Entwicklung der Erträge im Vergleich (dt TM/ha)

 

4.4

Nährstoff-Nachlieferung als Hinweis auf die Wüchsigkeit des Standorts

Wie die Abbildung 3 verdeutlicht, liefert die Parabraunerde aus Moränemergel nach 10 Versuchsjahren ohne jegliche Düngung (MoD) jährlich mindestens 95 kg Nmin, 63 kg CaO, 52 kg K2O, 34 kg P2O5 und 20 kg MgO nach (abgeleitet von Reinnährstoff-Entzügen). Dies entspricht – mit Ausnahme des Kaliums – in etwa den Entzugswerten 2schnittiger Wiesen in ungünstigen Ertragslagen (N/P/K = 100/40/140). Dies bedeutet, daß an diesem Standort nicht etwa der Stickstoff, sondern das Kalium zum Minimumfaktor wird. Interessant ist, daß die Nährstoffnachlieferung in dieser Höhe völlig unabhängig vom Schnittregime erfolgt. Dies bedeutet, daß die Nährstoffbereitstellung aus dem Boden – ähnlich wie der Humusgehalt – eine standortspezifische Konstante darstellt, die sich offenbar auch bei 5maliger Nutzung nicht verändert! Die unterdurchschnittlichen Entzüge bei der 1schürigen Variante ( Abbildung 3 ) weisen indes darauf hin, daß der am 1. September genutzte Aufwuchs schon so alt ist, daß bereits eine Rückverlagerung der Nährstoffe in die basalen Pflanzenteile erfolgte. Aus futterbaulicher Sicht läßt sich diesbezüglich feststellen, daß mit nur einer Nutzung im Spätsommer dieser Standort in seinem Leistungsvermögen unterfordert ist.

: Reinnährstoff entzüge 1987 im Vergleich zu 1996; links: Mulchen, rechts: Mahd ohne Düngung

 

Ausführliche Literatur

Briemle, G. 1992: Grünlandextensivierung - Auswirkungen, Erfahrungen, Beispiele in: Empfehlungen zur extensiven Grünlandwirtschaft und Landschaftspflege, Heft 2 (1992): 15-24, Grünlandverband Berlin

Briemle, G. 1993: Aulendorfer Extensivierungsversuch. Ergebnisse einer Grünlandextensivierung nach 5 Jahren Laufzeit. - in: LVVG Aulendorf (Hrsg.): Grünlandextensiverung - Forderungen und Grenzen: 22-26, Aulendorf

Briemle, G. 1993: Grünlandextensivierung und Vegetationsentwicklung. Ergebnisse eines Freilandversuchs. - in: Grünland in roten Zahlen? Band 14 Persektivenim Naturschutz; Akad. Naturschutz und Landschaftspfl. Stuttgart: 57-93

Briemle, G. 1994: Aulendorfer Grünland-Extensivierungsversuche nach 5 Jahren Laufzeit. - Landinfo 1/94: 5-7, Ostfildern

Briemle, G. 1994: Extensivierung einer Fettwiese und deren Auswirkungen auf die Vegetation. - Veröff. Naturschutz u. Landschaftspflege Bd. 68/69: 109-133, Karslruhe