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Autor : Dr. Gottfried Briemle

Die Empfindlichkeit der Grünlandkräuter gegenüber Beweidung

Vorbemerkung

Ausgangs-Pflanzenbestand

Kräuter gehen unter Weidenutzung zurück!

Schwerpunktvorkommen der 15 häufigsten Arten

Ausführliche Literatur



In einem bisher 12jährigen Versuch auf einem nach biologisch-dynamischen Gesichtspunkten wirtschaftenden Landwirtschaftsbetrieb im württembergischen Alpenvorland wurden unterschiedliche Düngesysteme verglichen. Gewissermaßen als Nebenprodukt über die regelmäßig durchgeführten Vegetationsaufnahmen ergaben sich interessante Erkenntnisse zur Weideverträglichkeit von Grünlandkräutern.

Zu Beginn der Versuchseinrichtung im Jahre 1984 handelte es sich bei der Mähparzelle um ein etwa 3-4 jähriges Grünland mit hohem Anteil an Lieschgras (14 %), Löwenzahn (44 %) und Weißklee (15 %). Das Verhältnis Gräser / Kräuter / Leguminosen lag damals bei 28:56:16 %. Die Artenzahl an Gefäßpflanzen betrug 40 auf einer Fläche von ca. 10 Ar und wies mit Geruchloser Kamille , Hirtentäschelkraut , Persischem Ehrenpreis und Gefleckter Taubnessel auf eine nicht allzu lang zurückliegende Ackernutzung hin. Die Mähweidefläche war damals mit 39 Spezies ebenso artenreich. Hier herrschten Wiesen-Lieschgras (10), Wiesenfuchsschwanz (18), Deutsches Weidelgras (5), Weißklee (15), Löwenzahn (26) und Bärenklau (6) vor. Das Artengruppenverhältnis lag bei 37 % Gräser, 48 % Kräuter und 15 % Leguminosen. Der Pflanzenbestand der Versuchsfläche wurde als "Krautreiche Vielschnittwiese", pflanzensoziologisch als junge „Taraxacum-Lolium-Gesellschaft" innerhalb des Verbandes der Weidelgras-Weißklee-Weiden (Lolio-Cynosurion) angesprochen werden.

Zunächst ist festzustellen, daß ein Wechsel zwischen Mahd und Weidegang insgesamt homogenere Pflanzenbestände erzeugte, als die reine Mähnutzung. Unter Homogenität verstehen wir eine mehr oder weniger gleichmäßige räumliche Verteilung von Gräsern und Kräutern auf der Fläche.

Wie die Abbildung 1 sehr schön verdeutlicht, ist die Wiesennutzung im Kräuterreichtum der gemischten Mähweide-Nutzung deutlich überlegen. Dies liegt daran, daß die grobblättrigen Grünlandkräuter generell empfindlicher gegenüber mechanischer Beschädigung sind als die Gräser. Vom Praktiker wird diese Tatsache beispielsweise dadurch ausgenutzt, daß er den ersten Aufwuchs einer mit Kerbel und Bärenklau verunkrauteten Wiese beweiden läßt. Daß eine unterschiedliche Düngung graduelle, wenn auch nicht immer statistisch gesicherte Unterschiede zusätzlich hervorbringt, verdeutlicht die Abbildung 2 . Hier zeigt sich der sehr kräuterfördernde Effekt einer Festmist- bzw. mineralischen PK-Düngung im Gegensatz zur gräserfördernden Flüssigmist- bzw. mineralischen Volldüngung. Immerhin läßt sich der Kräuteranteil einer Wiese durch bloße PK-Düngung um 25 % gegenüber der NPK-Düngung steigern. In Mähweiden sind es lediglich 20 %. – Diese Erkenntnis ist z .B. bei der Frage der Erzeugung artenreicher Blumenwiesen von wesentlicher Bedeutung, wenngleich hier eine insgesamt geringer Nutzungshäufigkeit vielen Kräutern die Existenz erst ermöglicht.

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Ertragsanteile (EA) bei Grünlandkräutern unter 4maliger Nutzung (Mahd bzw. Mähweide) und unterschiedlicher Düngung

 

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Ertragsanteile krautiger Pflanzen unter 4maliger Wiesen- bzw. Mähweide-Nutzung

Vergleicht man das schwerpunktmäßige Vorkommen der 15 wichtigsten Grünlandpflanzen, so ergibt sich die in Tabelle 1 vorgenommene Gegenüberstellung. Interessant ist, daß der bekanntermaßen weideverträgliche Weißklee unter viermaliger Mischnutzung (2 Schnitte, 2 Weidegänge) vom Löwenzahn als einer krautig wachsenden Pflanze im Anpassungsvermögen noch übertroffen wird. Daß letzterer auch unter Mähweide-Nutzung am 1. Platz liegt, geht wahrscheinlich auf seine im Frühjahr gut ausgebildete, robuste Blattrosette zurück. Gleichermaßen interessant ist, daß die Wiesenrispe unter reiner Schnittnutzung auf dem 4. Platz, unter Mähweide-Nutzung jedoch auf dem 8. Platz liegt. Dies, obwohl ihre Ausläufer – im Gegensatz zur Gewöhnlichen Rispe – unter der Bodenoberfläche liegen und somit vom Tritt der Weidetiere verschont bleiben. Der Spitzwegerich darf laut dieser Tabelle als relativ trittempfindlich eingestuft werden, wogegen der Kriechende Hahnenfuß diesbezüglich entweder offenbar sehr robust ist, oder aber von der höheren Bodenverdichtung provitiert. Während Quecke und Stumpfblättriger Ampfer durch den Weidegang offenbar gefördert werden, kommen Goldhafer und Bärenklau in nennenswerten Anteilen nur auf der Wiese vor.

Tabelle 1:
Nach unten abnehmende Reihenfolge in der Artmächtigkeit der 15 häufigsten Grünlandpflanzen

Reine Schnitt-Nutzung

Mähweide-Nutzung

1. Wiesen-Löwenzahn (8)

1. Wiesen-Löwenzahn (8)

2. Spitzwegerich (7)

2. Weißklee (8)

3. Weißklee (8)

3. Wiesen-Lieschgras (8)

4. Wiesen-Rispe (9)

4. Deutsches Weidelgras (8)

5. Deutsches Weidelgras (8)

5. Spitzwegerich (7)

6. Scharfer Hahnenfuß (6)

6. Gewöhnliche Rispe (8)

7. Wiesen-Lieschgras (8)

7. Stumpfblättriger Ampfer (7)

8. Goldhafer (7)

8. Wiesen-Rispe (9)

9. Gewöhnliche Rispe (8)

9. Wiesen-Schwingel (6)

10. Bastard-Weidelgras (7)

10. Scharfer Hahnenfuß (6)

11. Rotklee (7)

11. Kriechender Hahnenfuß (8)

12. Wiesen-Schwingel (6)

12. Kriechende Quecke (7)

13. Bärenklau (7)

13. Knaulgras (8)

14. Stumpfblättriger Ampfer (7)

14. Bastard-Weidelgras (7)

15. Flechtstraußgras (9)

15. Rotklee (7)

Anmerkung: grün: Kräuter; blau: Gräser. In Klammern: Mahdverträglichkeitszahl

 

Elsässer, M, H.G. Kunz & G. Briemle, 1998: Wirkungen organischer und mineralischer Düngung auf Dauergrünland. Ergebnisse eines 12jährigen Düngungsversuches auf Wiese und Mähweide. – Zeitschr. Pflanzenbauwissenschaften, 2 (2): 49-57, Ulmer-Verlag, Stuttgart.