Infodienst Landwirtschaft - Ernährung - Ländlicher Raum Login  


Autor : Dr. Gottfried Briemle

Hinweise zur Pflege von Streuwiesen

Einleitung

Vorgeschichte und Standortverhältnisse

Versuchsvarianten

Zusammenfassung

Wichtige Einzelergebnisse

Entwicklung der Artenzahlen

Zeigerwerte sind aussagekräftiger als Grundwassermessungen!

Mulchen hat ähnlichen Effekt wie leichte Düngung

Ausführliche Literatur

 

In Zusammenarbeit mit der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Tübingen wurde im Jahre 1981 auf einer brachliegenden Niedermoorstreuwiese des Alpenvorlandes ein Landschaftspflegeversuch eingerichtet. Ziel war es, die damals diskutierten Verfahren zur Offenhaltung der Kulturlandschaft, nämlich „kontrolliertes Brennen", „Mulchen" und „Mähen mit Abräumen" versuchsmäßig zu erproben und die Auswirkungen auf Vegetation und Boden zu beobachten. Nach 10jähriger Beobachtungszeit ergaben sich die im folgenden dargelegten Erkenntnisse.

Die Versuchsfläche wurde bis etwa 1965 als Streuwiese genutzt, also einmal jährlich im Herbst gemäht. Die Fläche erhielt bis dahin unregelmäßig – etwa alle 3 Jahre – eine geringe Stallmistdüngung. Bis zu Versuchsbeginn lagen die Parzellen 15 Jahre lang brach und es kam während dieser Zeit zu keinen menschlichen Eingriffen in den Sukzessionsablauf. Zu Versuchsbeginn war der Faulbaum als Sukzessionszeiger über die ganze Fläche verbreitet.

Auf der Versuchsfläche kommen mit der Pfeifengraswiese (Molinion) und der Hochstaudenflur (Filipendulion) zwei, schon auf Verbandsebene unterschiedbare Pflanzengesellschaften vor. Zwar besteht der Oberboden unter beiden aus einer Torfauflage von ca. 30 cm, der Untergrund ist jedoch sehr verschieden: Beim Filipendulion steht unterhalb des Torfes lehmiger Ton an. Beim Molinion dagegen folgt zunächst kiesiger, starksandiger Lehm (von hoher Durchlässigkeit), der erst bei 80 cm in lehmigen Ton übergeht. Diese unterschiedliche Bodenstruktur ist die Ursache für die Ausprägung der beiden so verschiedenen Vegetationsformen.

Im Schnitt der Beobachtungsjahre lag der Grundwasserspiegel bei 58 cm unter Flur, wobei das Wasser unter der Pfeifengraswiese mit durchschnittlich 54 cm unter Flur etwas höher anstand als in der physiologisch feuchteren Hochstaudenflur (62 cm u.F.). Allgemein bekannt ist, daß das Grundwasser in Pfeifengraswiesen beträchtlichen Schwankungen von über 1 Meter während eines Jahres ausgesetzt sein kann!

Der Landschaftgspflegeversuch beinhaltete folgende Versuchsvarianten:

Brennen jedes 2. Jahr

Brennen jährlich

Mähen 1 x jährlich (Ende. September) ohne Düngung

Mulchen 1 x jährlich (Mitte August)

Mulchen jedes 2. Jahr (Mitte August)

Mähen 1 x jährlich (Ende September) mit PK-Düngung (60kg P205 und 100 kg K20/ha)

ungestörte Sukzession

Die im Spätsommer wiederaufgenommene mechanische Pflege der brachgefallenen Streuwiese bewirkte generell eine Förderung typischer Streuwiesenpflanzen (z.B. Teufelsabbiß, Pfeifengras, Alant) auf Kosten starkwüchsiger Hochstauden (z.B. Mädesüß, Wiesenraute, Gilbweiderich). Schon während der ersten 6 Versuchsjahre kam es zu einem Anstieg der Artenzahlen um durchschnittlich 55 Prozent!

Ein früher Mahd- oder Mulchtermin im August förderte das schnittempfindliche Pfeifengras nur im Bereich der Hochstaudenflur (Filipendulion), nicht aber in der Pfeifengraswiese selbst (Molinion). Hier ging es durch die Frühmahd sogar zurück.

Unter „ Mähen ohne Düngung" erfolgte im Filipendulion einer Ausmagerung an Bodennährstoffen, was sich u.a. am Rückgang der Bestandeshöhe und an der Höhe der Biomassenproduktion ablesen ließ. Im Molinion war dies nicht zu beobachten..

PK-Düngung mit 60 kg/ha Phosphor und 100 kg/ha Kalium bewirkte innerhalb des Molinion einen deutlichen Anstieg der oberirdischen Biomasse-Produktion . Die Analyse der Nährstoffentzüge ergab, daß die ungedüngte Mähvariante dem Boden um ein Drittel weniger Nährstoffe als die gedüngte entzieht. Mulchen liegt etwa dazwischen. Dies deutet darauf hin, daß ein Großteil der im Mulchgut enthaltenen Nährelemente vom Pflanzenbestand wieder aufgenommen wird. Das gilt auch für den Stickstoff, der während des Mineralisierungsprozesses offenbar kaum verloren geht.

Die PK-Düngung bewirkte besonders im Molinion einen kontinuierlichen Anstieg der Artenzahlen , und zwar von 25 zu Beginn der Pflegearbeiten auf 46 Arten pro 25 qm. Allerdings sind es vor allem Arten der Wirtschaftswiesen, die eine spektakuläre Zunahme zu verzeichnen hatten. In dieser Variante kommen nach 10 Versuchsjahren Arten der Streuwiesen gemeinsam mit solchen extensiv genutzter Futterwiesen vor.

Das düngefliehenden Pfeifengras wurde jedoch durch die PK-Düngung vertrieben : Nach 10 Versuchsjahren nahm Molinia caerulea auf dieser Parzelle von ursprünglich 60 auf 1 Prozent Deckdungsgrad ab!

Durch „ Kontrolliertes Brennen" zeigten sich gegensätzliche Effekte zur mechanischen Pflege: In den gebrannten Parzellen wurden Arten mit hohen Nährstoffansprüchen gefördert und Magerkeitszeiger verdrängt. Die Feuerbehandlung konnte ein weiteres Verbuschen mit Himbeer, Faulbaum und Strauchweiden nicht aufhalten, und es kam zu einem Rückgang der Artenzahlen.

Nach deutlichen „Turbulenzen" innerhalb der ersten 5 Versuchsjahre kam die Vegetationsdynamik nach 10 Jahren Beobachtungszeit nunmehr soweit zur Ruhe, daß sich auf dem Großteil der Versuchsfläche ein Gleichgewicht zwischen Standort, Bewuchs und Pflegefrequenz eingestellt hat. Es zeigte sich, daß ein spätsommerlicher Mulchtermin in Streuwiesen dieselben (positiven) Effekte mit sich bringt, wie Mähen mit Abräumen.

Daß die große Artenvielfalt im Bereich des Dauergrünlandes i.w.S. – wozu auch die Streuwiesen gehören – nur durch eine Mindestpflege erhalten werden kann, ist hinlänglich bekannt. Es war deshalb auch nicht verwunderlich, daß die Zahl der Gefäßpflanzenarten nach 15jähriger Nutzungs-Unterbrechung durch die Wiederaufnahrne der Pflege ansteigen würde.

Sowohl auf den Brennparzellen als auch auf der weiterhin brachliegenden Steuwiesenfläche (ungestörte Sukzession) kam es zu Artenzahl-Verlusten (Abbildung 1) . Dagegen vollzog sich bei allen mechanischen Pflegeverfahren und -intervallen eine mehr oder weniger deutliche Zunahme, die ihr Höchstmaß in der gedüngten Mähparzelle des Molinion erreichte (Zunahme um nicht weniger als 22 Arten oder mehr als 80 Prozent!). Mit den Augen des Naturschützers betrachtet, muß man aber einschränkend feststellen, daß sich die neu hinzugekommenen Arten vor allem aus dem Bereich des Wirtschaftsgrünlandes rekrutieren (Arrhenatheretalia-Arten). Die Düngung förderte mit Ausnahme des Weidenblättrigen Alants) also keineswegs typische oder gar seltene Streuwiesenpflanzen! – Die markantesten Artenzahlzuwächse vollzogen sich innnerhalb der ersten 5 Versuchsjahre.

Von den Rote-Liste-Arten kommen folgende 4 Spezies auf der Versuchsfläche vor: Floh-Segge (Carex pulicaris), Kugel-Rapunzel (Phyteuma orbiculare) , Kriech-Weide (Salix repens), Teufelskralle, (Succisa pratensis). Die genannten Arten befinden sich überwiegend im Bereich des Molinion und konnten sich durch die mechanische Pflege zumindest halten, teilweise sogar etwas vermehren. Allein die Kümmelblättrige Silge, welche hauptsächlich im Filipendulion vorkommt, hat etwas abgenommen.

 

Streuwiese

: Entwicklung der Artenzahl im Bereich der Pfeifengraswiese (Molinion)

Interessant ist, daß sich Höhe der Grundwasserstände und die mittleren Feuchtzahlen (mF) gegensätzlich verhalten: Während der Wasserstand unter dem Filipendulion durchschnitlich 8 cm tiefer ansteht als unter der Pfeifengraswiese, deutet die F-Zahl von 6,2 auf eine viel bessere Wasserverfügbarkeit hin, als es in der Pfeifengraswiese (mF = 5,6) der Fall ist. Dies zeigt deutlich, daß ökologischeWertzahlen mit ihrer intergrierenden Aussagekraft die tatsächlichen Standortgegebenheiten wesentlich besser beschreiben können, als es Meßreihen erlauben. Tatsächlich hat der lehmig-tonige Unterboden der Hochstaudenflur ein deutlich höheres Adsorptions- und Wasserhaltevermögen als der kiesig-sandige Lehm unter der Pfeifengraswiese. Werden die Feuchtezahlen gar mit den Deckungsprozenten der Vegetation gewichtet, ergeben sich zwischen den beiden Gesellschaften noch gravierendere Unterschiede. Schließlich bleibt zu erwähnen, daß sich die mittlere F-Zahl trotz der sich in den letzten 10 Jahren vollzogenen Vegetationsumschichtung nicht verändert hat! Dies spricht für die Anwendbarkeit ökologischer Wortzahlen bei standortsökologischen Untersuchungen.

Mit einem durchschnittlichen jährlichen oberirdischen Biomassenanfall von 40 dt TM/ha liegt die Produktivität in der Pfeifengraswiese (Molinion) um ein Drittel niedriger als in der Hochstaudenflur (Filipendulion) . Daraus ist ersichtlich, wie ausschlaggebend die Bodenverhältnisse sind, weiche in dieser Geländesenke auf engstem Raum mosaikartig wechseln. Im umliegenden Wirtschaftsgrünland werden solche Standortunterschiede durch intensive Nutzung und Düngung verwischt. Unter den Pflegevarianten ergibt sich – als Durchschnitt der 10 Versuchsjahre – folgende Reihenfolge nach der Höhe der Trockenmasse-Leistung (in dt/ha):

Maßnahme                

Hochstaudenflur

Pfeifengraswiese

1. Brennen jährlich

73

60

2. Brennen jedes 2. Jahr

69

55

3. Mähen + PK-Düngung

62

44

4. Mulchen jedes 2. Jahr

60

41

5. Mulchen jährlich

59

35

6. Mähen mit Abräumen ohne Düngung

49

33

Mittelwert

62

45

Für den Bereich der Pfeifengraswiese überrascht die Tatsache, daß die Biomasse-Produktion unter „Mulchen jedes 2. Jahr" an die Größenordnung der PK-Variante herankommt, und sich damit deutlich gegenüber der Variante „Mulchen jährlich" absetzt. Die Nährstoffentzüge verlaufen in etwa parallel zu den Ertragszahlen, streuen jedoch noch mehr als diese, nämlich bis zu einer Größenordnung von 50 Prozent. Dies gilt besonders für das Molinion . Die ungedüngte Mähvariante entzieht um ein Drittel weniger Nährstoffe als die gedüngte. Mulchen liegt diesbezüglich in etwa dazwischen. Dies deutet darauf hin, daß ein Großteil der im Mulchgut enthaltenen Nährstoffe vom Pflanzenbestand wieder aufgenommen wird. Das gilt auch für den Stickstoff, der offenbar während des Mineralisierungsprozesses kaum verloren geht.

Briemle, G. 1987: Erste Ergebnisse aus einem Streuwiesenversuch der LVVG Aulendorf und Folgerungen für die praktische Biotoppflege. – Ökologie & Naurschutz 1: 247-271; Margraf-Verlag Germersheim.

Briemle, G. 1988: Erfolge und Mißerfolge bei der Pflege eines Feuchtbiotops. Anwendbarkeit ökologischer Wertzahlen. – Telma 18: 311-322; Selbstverlag der Deutschen Gesellschaft für Moor- und Torfkunde (DGMT), Hannover.

Briemle, G. 1992: Ergebnisse aus 10jähriger Pflege einer brachgefallenen Streuwiese des Alpenvorlandes. – Naturschutzforum 5/6: 87-114, Kornwestheim.