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Zeitgerechtes Weidemanagement

 

von Dr. Martin Elsäßer

Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung und Grünlandwirtschaft

88326 Aulendorf

 

 

Für optimale Futterproduktion müssen Weiden gezielt bewirtschaftet und geführt werden. Andernfalls müssen im Frühjahr ein zu großer Futterberg abgetragen und im Sommer oder Herbst tief abgefressene, leere Weiden mit Vieh bestoßen werden?

 

Planung ist wichtig

Erfolgreiche Weidehaltung erfordert deshalb eine exakte Planung und für ein gutes Weidejahr ist es entscheidend, daß bereits im ersten Aufwuchs der Nutzungsrhythmus eingehalten wird. Häufig kommt es nämlich im Laufe des Weidejahres durch eine nicht an den Futteraufwuchs angepasste Zahl der Weidetiere entweder zur Über- oder Unterbeweidung der Weideflächen. Beides hat sehr negative Effekte auf die Versorgung der Weidetiere mit Futter zur Folge. Folgende Regeln haben sich in der Praxis bestens bewährt (Tab. 1):

 

Tab. 1: Regeln für die Weidewirtschaft

 

Regel 1:             Der Viehbesatz muß an den Futteraufwuchs angepaßt werden

Regel 2:             Die Besatzzeit soll bei Milchkühen nicht mehr als 3 Tage betragen

            (Jungvieh und Mutterkühe bis zu 1 Woche)

Regel 3:               Die Weiden brauchen zwischen den Nutzungen eine Ruhepause (im

                        Frühjahr ca. 4 Wochen; im Herbst 6 - 8 Wochen

Regel 4:             Einhaltung von regelmässigen Gewohnheiten

Regel 5:             Weiden müssen gepflegt werden

 

 

Die praktische Umsetzung dieser Regeln wird im folgenden an drei Graphiken beispielhaft erläutert.

Abb. 1 zeigt anhand der Wachstums­kurve, daß im Frühjahr der Futterzuwachs in der Regel groß ist. In dieser Phase altert der Pflanzenbestand rasch. Im Sommer und Herbst ist der Zuwachs deutlich geringer. Der Viehbesatz bzw. die zugeteilte Weidefläche müssen also im Laufe des Jahres entsprechend der zur Verfügung stehenden Futtermasse variiert werden. Diese Veränderung der Weidefläche ist ebenfalls in Abb. 1 dargestellt. Es kommt in etwa zu folgendem Vorgehen: Im ersten Aufwuchs wird ein Drittel der insgesamt zur Verfügung stehenden Grünlandfläche beweidet. Zwei Drittel werden gemäht. Im Verlauf des Jahres verändert sich nun die Größe der beweideten Fläche. Bedingt durch das abnehmende Futterwachstum werden im zweiten Aufwuchs zwei Drittel beweidet und nur noch ein Drittel wird gemäht. Der dritte Aufwuchs wird vollkommen beweidet, die Futtermenge des vierten Aufwuchses ist für den bisher gleichgebliebenen Viehbesatz nicht mehr ausreichend. Entweder muß nun ein Teil des Viehs abgetrieben oder die Weidezeit verkürzt werden.

 

Die optimale Anzahl an Weidekoppeln ergibt sich aus der Aufwuchsdauer (im Frühjahr etwa 30 Tage) dividiert durch die gewünschte Besatzzeit (3 Tage). Demnach wären 10 Koppeln für ein Umtriebsweidesystem optimal. Ziel ist nun, daß nach 30 Tagen die zur Verfügung stehende Weidefläche des ersten Aufwuchses abgegrast ist. Dann ist das Futter der zuerst beweideten Koppel erneut nachgewachsen und weist nun wieder eine zur Beweidung optimale Bestandeshöhe von 20 cm auf. Kurze Besatzzeiten, bei Milchkühen nicht über 3 Tage je Weidefläche, bringen vom Weidetier aus gesehen Vorteile, weil es dann kaum zu selektivem Abfressen der besten Futterpflanzen kommt und damit auch die Schwankungen im Milchleistungsvermögen der Kühe gering sind. Der tägliche Trockensubstanzverzehr liegt im Durchschnitt höher als bei langer Besatzzeit. Aber auch von der Pflanze aus gesehen ist eine kurze Besatzzeit vorteilhaft, denn die rasch nachschossenden, guten Futterpflanzen werden nicht wieder abgefressen und behalten so ihre Reservestoffe. Bei langer Besatzzeit und damit teilweise sehr tiefem Verbiß werden solche Gräser geschädigt, die die Reservestoffe in den Stoppeln speichern (z. B . Deutsches Weidel­gras, Wiesenschwingel oder Knaulgras ). Begünstigt werden durch den tiefen Verbiß vor allem Gräser mit oberflächigen Ausläufern, die vom Tiermaul nicht verbissen werden (z. B. Gemeine Rispe, Weißklee ) oder solche Pflanzen, die unterirdische Speicherorgane haben (u.a Rhizomgräser wie Wiesenrispe oder Quecke bzw. tiefwurzelnde Kräuter wie der Stumpfblät­trige Ampfer ). Zudem geht durch kurze Besatzzeiten weniger Futter durch Zertreten oder durch Verschmutzen verloren.

 

Der Weideplan muß eingehalten werden

Oftmals ergeben sich Schwierigkeiten bei der Einhaltung des Weideplanes, weil im ersten Aufwuchs sehr viel Futter vorhanden ist und der erste Weidedurchgang nicht wie geplant nach 30 Tagen, sondern später, im Beispiel 15 Tage, abgeschlossen ist (Abb. 2). Es kommt aufgrund großer Futtermasse zu einem höheren Zeitbedarf für den Futterverzehr und damit bei den letzten abzufressenden Koppeln des ersten Aufwuchses zu älterem Futter. Aber nicht nur beim ersten Aufwuchs, sondern ebenso beim Nachwuchs, weil die zuerst beweidete Fläche nun ebenfalls15 Tage später beweidet wird. Die Leistung der Tiere sinkt, der Weiderest steigt an und Unkräuter können aussamen. Der Landwirt sollte auf diese Entwicklung entweder mit einem höheren Viehbesatz oder einem Verzicht bei der Stickstoffdüngung reagieren. Besser noch wäre es, wenn er den Anteil der Mähfläche erhöhen würde. Gänzlich falsch wäre es jedoch, nicht zu reagieren oder den Weiderhythmus bereits am Jahresanfang zu verlängern. Das Futter würde unweigerlich das ganze Jahr über für eine optimale Fütterung zu alt und wenig tauglich sein. 

Zu einer anderen ungünstigen Entwicklung kommt es dann, wenn in den Folgeaufwüchsen zu wenig Futter vorhanden ist (Abb. 3). Wird der Weiderhythmus beibehalten, dann werden die Tiere die Grasnarbe tiefer verbeißen. In der Folge wird der Nachtrieb schlechter, weil die Reservestoff­spei­cherung nicht mehr oder nur teilweise erfolgen kann. Die Milchleistung sinkt erneut ab. Zur Reaktion verbleiben dem Landwirt folgende Möglichkeiten: entweder er muß zufüttern, Vieh abstocken, sommerbetont mehr Stickstoff düngen oder die Weidezeit pro Tag verkürzen.  

Bemessung der Weidefläche

Wie kann nun die Größe der Weidefläche dem Viehbesatz optimal angepasst werden? Pro Tag frißt eine ausgewachsene Kuh zwischen 50 kg Frischmasse (z. B. Hinterwälderrind oder andere Extensivrassen) und 80 kg Frischmasse (Schwarzbunte oder Fleckvieh). Der Landwirt kann nun für eine exakte Berechnung seiner Weidefläche einen Quadratmeter ausmähen und die Aufwuchsmasse wiegen. Das ist eine langwierige Arbeit und wird nur selten praktiziert. Da die meisten Weideflächen aber relativ einheitliche Pflanzenbestände aufweisen, kann folgende Schnellmethode angewendet werden:

Die durchschnittliche Bestandeshöhe in cm abzüglich der angestrebten Nutzungstiefe von 5 cm ergibt in etwa die Aufwuchsmasse in dt TM/ha. Ein Beispiel: 20 cm Wuchshöhe minus 5 cm ergeben 15 cm "laufende Bestandeshöhe". Das entspricht dann einer Aufwuchsmasse von ca. 15 dt TM/ha oder 150 g/m 2 . Bei einem durchschnittlichen Gehalt von etwa 20% Trocken­substanz im Weidegras entspricht dies 750 g Frischmasse/m 2 . Für eine Schwarzbunte müßten demnach 107 m 2 Weidefläche pro Tag zugeteilt werden. Wenn da nicht die Sache mit dem Weiderest wäre. Es muß nämlich berücksichtigt werden, daß die Kühe Futter auswählen (selektieren) wollen! D.h. grundsätzlich sind zwischen 10 und 20% Weiderest einzukalku­lieren. Demnach erhöht sich die zuzuteilende Fläche pro Kuh auf etwa 125 m 2 pro Tag.  

Weidepflege muß sein

Unklar ist oftmals die tatsächliche oder angebliche Notwendigkeit des Nachmähens einer Weide. Hierzu ist zu sagen, daß jedes Abmähen von Pflanzenauf­wuchs einen Futterverlust darstellt. Nun werden aber einige Pflanzenarten vom weidenden Vieh generell gemieden (z. B. Stumpfblättriger Ampfer, Scharfer Hahnenfuß, Disteln). Diese Pflanzen vermehren sich generativ, d.h. über Samen. Soll nun die Ausbreitung dieser Pflanzen unterbunden werden, so müssen solche Flächen nach der Beweidung nachgemäht werden. Reinigungsschnitte sind auf Dauerweiden nicht nach jedem Weidegang erforderlich. Jährlich reichen ein- bis zweimalige Nachmahd, am besten nach dem zweiten und nach dem letzten Aufwuchs aus. Bei stark mit Ampfer und Scharfem Hahnenfuß bzw. Disteln durchsetzten Flächen sollte allerdings nach jedem Weidegang nachgemäht werden. Ob nun gemulcht oder gemäht wird, hängt ganz von der Aufwuchsmenge ab. Der Mulcher ist eher geeignet bei geringerem Weiderest und hat den Vorteil, daß er gleichzeitig die Kotfladen verteilt. Steht noch sehr viel Weiderest, dann ist das Abmähen wohl vorteilhafter und der Aufwuchs sollte abtransportiert werden. Günstig ist das Mähen vor allem auch bei hohem Besatz von Rasenschmiele. Dieses Gras erträgt einen tiefen Schnitt nur sehr schlecht und kann vor allem dann geschädigt werden, wenn beim Mähen die Richtung gewechselt und das Gras von zwei Seiten abgemäht wird.

 Wie ist zu düngen?

Nährstoffe, die während der Beweidung als Exkremente auf die entsprechenden Flächen zurückfließen, müssen in jedem Falle bei der Ermittlung der Düngemenge berücksichtigt werden. Bezogen auf die erforderliche Stickstoffdüngung bei Wiesen können auf Weiden überschlägig folgende Mengen gedüngt werden:

·       bei Ganztagsweide (24 h/Tag):        ca. 45 %

·       bei Halbtagsweide (11 h/Tag):         ca. 65 %

·       bei Kurztagsweide (max. 7 h/Tag): ca. 80 %

Zur Parasitenbekämpfung vor allem auf feuchten Flächen kann es sinnvoll sein, zumindestens einmal jährlich mit Kalkstickstoff zu düngen (300 kg/ha Perlka). Die Grunddüngung sollte entsprechend der Bodenuntersuchungen erfolgen.  

Um möglichlicherweise auftretende, punktuelle Auswaschungsverluste bei Beweidung infolge der unregelmäßigen Verteilung der Exkremente zu vermindern, empfehlen sich Pflegemaß-nahmen, wie Mulchen oder Abschleppen zur Verteilung der Fladen unmittelbar nach dem Abtrieb der Weidetiere. Es wird aber gleichwohl nicht möglich sein, die anfallenden Nähr­stoffe vollständig gleichmäßig zu verteilen. Ferner ist zu beachten, daß dem Pflanzenbestand bei Beweidung zwischen 70 und 90% der ihm über das Futter entzogenen Nährstoffe über die Exkremente unmittelbar wieder zurückgeführt werden. Allerdings erfolgt die Rückführung nicht gleichmäßig, sondern punktuell. An diesen Stellen kann es durchaus zu Stickstoffver­lagerungen in den Unterboden und zu Ammoniakverlusten an die Luft kommen. Auf hängigen Flächen ist vor allem die Stickstoffdüngung drastisch zu reduzieren, weil es ansonsten zu Narbenauflockerungen kommt und die Flächen ihre Trittfestigkit verlieren.  

Praxistips - kurz und knapp:

·       Zeitige Beweidung im Frühjahr fördert bei guten Witterungs- und Bodenverhältnissen eine dichte Grasnarbe. Unkraut wird dadurch unterdrückt.

·       Der einmal gewählte Nutzungsrhythmus (im Frühjahr 30 Tage Umtriebszeit) sollte beibehalten werden.

·       Der wachstumsbedingte Futterberg im Frühjahr kann durch reduzierte N-Düngung vermindert werden. Überschüssiges Futter muß umgehend gemäht werden.

·       Milchkühe sollten auf Umtriebsweiden maximal 2-3 Tage auf einer Koppel verweilen. Bei Rindern oder Mutterkühen kann man die Weidezeit schadlos bis auf eine Woche verlängern.

·       Weiden dürfen nicht übernutzt werden. Bei Futtermangel Tiere abtreiben und zwischen­füttern. Günstig ist hier u. a. der Einsatz von Rundballensilage, weil nur kleinere Konservierungseinheiten angepackt werden müssen.

·       Für Regentage sollte eine ungedüngte Extensivkoppel mit etwas höherem Futteraufwuchs vorgesehen werden. Solche Flächen sind deutlich trittfester.

·       Weiden regelmäßig (sommerbetont) nachdüngen.

·       Auf wenig verunkrauteten Weiden genügt ein einmaliges Nachmähen pro Jahr. Stark verunkrautete Flächen nach jedem Aufwuchs nachmähen.